Mit 75 Minuten gehaltvoller A-cappella-Musik beeindruckten die St.-Martins-Chorknaben ihr Publikum in der Stadtpfarrkirche.
Günther Luderer
Biberach Dass die Jahreskonzerte der Chorknaben Straßenfeger sind, hat sich ja in Biberach schon lange herumgesprochen. Wie gewohnt zogen die 56 Jungs und jungen Männer vor vollem Haus und unter großem Beifall auf das Podest vor dem Volksaltar, wo sie von Dekan Stefan Ruf begrüßt wurden. Der Chor habe sich als Motto „Singet dem Herrn ein neues Lied“ auf Fahne, Herz und Stimmbänder geschrieben – den Text des 98. Psalms, der wenig später in der Vertonung Claudio Monteverdis zu hören war.
In einem ersten Programmblock hatte Chorleiter Johannes Striegel drei Kompositionen aus Renaissance und Barock zwei Werken aus dem 20. Jahrhundert gegenübergestellt. Im Monteverdi-Psalm, in Palestrinas vierstimmiger Motette „Sicut cervus desiderat“ und im Choral „Erkenne mich mein Hüter“ aus Bachs Matthäuspassion stellten die jungen Choristen gleich ihr Können und beste Vorbereitung unter Beweis: Sie sangen weitgehend auswendig, textsicher und mit tatsächlich ständigem Blickkontakt zum Dirigenten.
Sehr schön und mit jugendlichem Schwung gelang die einleitende kurze Motette des vor gut zehn Jahren verstorbenen norwegischen Komponisten Knut Nystedt. Aus Litauen stammt der 1954 geborene Chorleiter und Komponist Vytautas Miskinis. Seine oft zur Achtstimmigkeit erweiterte Motette „O sacrum convivium“ ist mit ihren geschärften Akkordbündeln, Synkopen und mit ihrem rhythmisch vertrackten Mittelteil eine echte Herausforderung, die die St.-Martinschorknaben sehr überzeugend bewältigten.
Einen zweiten Programmblock bildeten Chor- und Orgelwerke aus Frankreich – und das nicht von ungefähr: In der ersten Augusthälfte begeben sich die Chorknaben auf ihre traditionelle Konzert- und Freizeitreise, die sie in diesem Jahr quer durch Frankreich bis nach Guernsey führen wird. Sieben Konzerte sind geplant, unter anderem in Paris und Saint-Malo, zwei davon auch bei den Biberacher Freunden auf Guernsey. Anschließend erholen sich die Chorknaben in einem einwöchigen Zeltlager in der Nähe von Vichy in der Auvergne.
Um den Knaben Gelegenheit zur stimmlichen Erholung zu geben, begann der Reigen der französischen Werke mit „Quatre petites prières de Saint Francois d ́Assise“ für vierstimmigen Männerchor. Francis Poulenc verbindet in diesen „Gebeten“ Elemente des mittelalterlichen Klostergesangs mit der ihm eigenen geschärften Harmonik zu sehr eindrucksvollen Stücken. Johannes Striegel hatte intensiv am Sprachduktus gearbeitet und lieferte selbst das, was er seinem Chor abverlangt: Er dirigiert weitgehend losgelöst von den Noten, hält ständig Kontakt zu seinen Sängern und spricht alle Texte plakativ mit.
Und Striegel ist ein versierter Organist, wie das Publikum bei seiner Interpretation von Cesar Francks „Prélude, Fugue, Variation“ unschwer hören konnte. Schön gelang ihm die süße Melancholie des im ruhigen 9/8-Takt fließenden Préludes, sicher und tempokonstant lieferte er die Fuge ab und umspielte in der Variation die einleitende Melodie einfühlsam bis hin zum lichten H-Dur-Schluss. Den Reigen französischer Werke rundeten eine vierstimmige Motette und eine Vater-unser-Vertonung von Maurice Duruflé ab.
Mit einem Programmhöhepunkt begann der dritte Programmblock: Der Männerchor bot in Mendelssohn-Bartholdys „Beati mortui“ eine große dynamische Bandbreite, klar und frei klingende Tenöre, Bässe ohne Mulm und Kampf um die Tiefe, wunderbare kleine Solopassagen und hervorragende Intonation. Stark. Mit swingenden Nummern aus den USA und Irland begab sich der Gesamtchor dann auf die Siegerstraße: „Deep river“, „Sing for Joy, Alleluia“ und „An Irish Blessing“, alle drei den jungen Sängern wie auf den Leib geschrieben, alle rhythmisch prägnant, voller Energie und Strahlkraft gesungen.
Mit langem stehenden Applaus erklatschte sich das Publikum zwei Zugaben: Zunächst den doppelchörigen Psalm 145 von Melchior Vulpius mit einem blitzsauber singenden Favoritchor hinten in der Vierung, und – kurz vor „Schitza“ – drei Strophen „Rund um mich her“.


